Autor: Chefarzt Dr. Dirk Kusche

Die minimalinvasive Endoskopisch Extraperitoneale Radikale Prostatektomie (EERPE) als schonende Behandlung des organbegrenzten Prostatakrebses

Der Prostatakrebs ist die häufigste Tumorerkrankung des Mannes. Es erkranken jährlich ca. 40 000 Männer allein in Deutschland an diesem Tumor. Nach dem Lungenkrebs ist der Prostatakrebs die zweithäufigste Krebstodesursache. Durch die weite Verbreitung der Vorsorgeuntersuchung und die Bestimmung des  PSA-Wertes entdecken wir heute immer mehr Tumore im Frühstadium und haben so viel bessere Heilungschancen. Ein wichtiger Grund regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim niedergelassenen Urologen durchzuführen.

Ist der Prostatakrebs bereits diagnostiziert, ergeben sich nach den individuellen Eigenschaften des Patienten (z.B. Lebensalter, Begleiterkrankungen, Untersuchungsbefund, etc.) und der Tumorkonstellation (z.B. Aggressivität, Größe, PSA-Wert etc.) verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die wir individuell auf den einzelnen Patienten abstimmen können.
Wenn die vorherige Diagnostik ein organbegrenztes, also heilbares Prostatakarzinom ergeben hat kommen aktuell die verschiedenen operativen oder strahlentherapeutischen Verfahren zur Anwendung: externe Radiatio oder Brachytherapie, Seeds- Implantation.

Bei der operativen Therapie wird klassischerweise die Prostata vollständig mit den anhängenden Samenbläschen entnommen. Traditionell wird dies über eine „offene Operation“ mit Bauchschnitt durchgeführt.
Seit Einführung der “Laparoskopischen OP Techniken” und dem heutigen standardisierten Vorgehen hat sich die minimalinvasive Chirurgie einen immer größeren Raum mit einem immensen Nutzen für unsere Patienten erobert, dies gilt für die laparoskopische Nierenchirurgie und insbesondere für die radikale Prostatektomie.

Hier hat sich die an der Universität Leipzig entwickelte EERPE durchgesetzt. Diese Operationsmethode wurde von einigen Zentren (national und international) eingeführt, entweder ergänzend, oder wie bei uns als Therapie der ersten Wahl.

Bei all den Vorteilen der minimalinvasiven Techniken müssen sich diese insbesondere bei der Tumorkontrolle an den traditionellen Verfahren messen. Nachdem nun in großen Serienuntersuchungen die Schlüssellochoperationen hinsichtlich der Tumorkontrolle bzw. der Kontinenz und Potenz mindestens ebenbürtig abschneiden, ist der minimalinvasive Ansatz akzeptiert.

Wir haben diese standardisierte Methode an unserer Klinik etabliert und möchten sie hier als innovative, schonende Technik zur Heilung des lokalbegrenzten Prostatakarzinoms vorstellen.

Die  Vorteile sind mannigfaltig und unübersehbar. Besonders bei älteren Menschen öfters zu findende Voroperationen im Bauchraum haben bei diesem Vorgehen kaum Bedeutung, Leistenbrüche werden in gleicher Sitzung mitversorgt.

Durch die heutigen hervorragenden optischen Möglichkeiten ist ein Vergrößerungseffekt des OP-Feldes möglich. Die einzelnen zum Teil sehr filigranen Strukturen wie z.B. das Gefäß-Nervenbündel oder der willkürliche Schließmuskel gelangen zur Abbildung, was bei einer so möglichen sehr subtilen Präparationstechnik eine Schonung dieser wichtigen Strukturen gut ermöglicht.

Blutungen können punktgenau mit bipolarem Strom gestoppt werden, ohne dass umliegendes Gewebe außerordentlich mitbelastet wird. Hieraus ergigt sich ein sehr geringer Blutverlust. Mit der Vergrößerung und den verschiedenen “Blickwinkeln” durch Drehen der Kamera gelingt es nun den Harnröhrenstumpf und den willkürlichen Schließmuskel vollständig darzustellen und zu schonen. Ebenso helfen die verschiedenen „Kameraperspektiven“ beim Einstechen der Nadel, daraus resultiert eine sehr genaue, definierte Naht, die letztlich wasserdicht“ ist.

OP-Ablauf

Der Patient befindet sich in Rückenlage, die Beine etwas angehoben, belastende, extreme Lagerungen braucht dieses Vorgehen nicht. Der erste “besondere Schritt” ist das Etablieren des Kamerazugangs. Der Raum vor der Harnblase wird unter optischer Kontrolle mittels eines besonderen Ballons aufgeweitet, dann wird in die geschaffene Höhle das Gas (CO2) eingeleitet.

Links und rechts werden nun jeweils zwei weitere Operationshülsen für jeweils die beiden Instrumente des Operateurs bzw. des Assistenten eingestochen. Es können nun, falls notwendig, die Lymphknoten des Beckens entfernt werden. Dann beginnt die eigentliche Operation.

Am Anfang der Prostatektomie steht klassischerweise die Unterbindung blutreicher Venen, hierbei ist die Kameradrehung und Vergrößerung sehr hilfreich. Die Harnblase wird dann am Übergang zur Prostata eröffnet und Schritt für Schritt von der Prostata abgelöst.

Nun wird in die Schicht zwischen Enddarm und Prostatahinterseite präpariert- mit der Kamera können wir nun sogar hinter das Organ sehen.
Die Blutgefässe der Prostata werden nun schrittweise mittels Ultraschallscheren durchtrennt und gleichzeitig verschweißt.
Falls aus Tumorgründen vertretbar, kann nun eine Schonung des Gefäßnervenbündels zum Erhalt der Gliedversteifung durchgeführt werden. Auch hierbei sind der Vergrößerungseffekt, die Übersichtlichkeit des OP-Feldes und die filigranen, bipolaren Koagulationspinzetten unersetzlich und verbessern das Resultat.
Im Anschluss erfolgt dann das Absetzen der Prostata von der Harnröhre, wobei diese Technik eine schonende Präparation der Harnröhre ermöglicht. So entsteht ein vergleichsweise langer Harnröhrenstumpf, der zur Kontinenz der Patienten beiträgt.
Der besondere Pluspunkt ergibt sich aber bei der Anfertigung der Nahtvereinigung zwischen Blase und Harnröhre (Anastomose) nach Entnahme der Prostata. Hier können unter ständiger optischer Kontrolle sehr exakt die notwendigen Nähte vorgenommen werden. Am Ende steht nach der Katheteranlage die Prüfung der Anastomose auf Wasserdichtigkeit.

Der Dauerkatheter bleibt i.d.R sechs Tage und wird nach Röntgenkontrolle entfernt. Fast alle unsere Patienten verlassen dann am siebten Tag nach der Operation das Krankenhaus, nachdem das feingewebliche Ergebnis besprochen und die Anschlussheilbehandlung von uns eingeleitet wurde.  

Zusammenfassend kommen diese neuen technischen Möglichkeiten natürlich unseren Patienten zu Gute:

Große Bauchschnitte mit daraus resultieren langen Krankenhausaufenthalten, Immobilisation und sich daraus ergebenden möglichen Komplikationen können in der Regel vermieden werden.

Der Kostaufbau findet deutlich schneller statt, so dass sich auch nach einer Tumoroperation mit Organentnahme bald ein normales “Körpergefühl” einstellt.

Die langen Dauerkatheterableitungen werden nun auf ca. 6 Tage verkürzt, was ebenfalls die Mobilisationsmöglichkeiten und die Lebensqualität der Patienten erhöht.