Plastische Gesichtschirurgie

Bemerkungen zur Geschichte

Die chirurgische Versorgung von Gesichtsverletzungen und die Wiederherstellung zerstörter oder gänzlich verlorengegangener Teile des Gesichtes gehören ganz unumstritten zu den ältesten und traditionsreichsten Tätigkeiten heilkundlicher Kunst überhaupt. Zu jeder Zeit gab es Menschen, nicht nur Ärzte, die sich mit der Behandlung vornehmlich gesichtsversehrter Menschen beschäftigten.
Die Wiege der Plastischen Gesichtschirurgie liegt der Überlieferung nach im alten Indien. So finden sich erste Berichte über die chirurgische Wiederherstellung zerstörter oder gänzlich verlorengegangener Nasen in der altindischen Heilkunde. Demnach beschrieb der indische Arzt Susruta (oder Sushruta), der vermutlich im 4. Jh. n. Ch. gelebt hat, Techniken der Wiederherstellung von Nasen, Ohrläppchen und Lippen. Die von Susruta beschriebene und seinerzeit in Indien nicht seltene Operation (Abb. 1 u. 2), wurde von Mitgliedern der Töpferkaste, den Koomas, durchgeführt. In Europa wurde sie erst im 18. Jh. (1794) durch einen im „Gentleman`s Magazine“ erschienenen Brief des in Indien tätigen englischen Chirurgen Lucas bekannt. Es dauerte weitere 18 Jahre (1814) bis sie von dem Engländer Carpue erstmalig in Europa durchgeführt wurde. Sie ist seitdem als die sog. „indische Nasenplastik“ bekannt und gilt bis heute als Standardverfahren in der Plastischen Gesichtschirurgie.
Unabhängig hiervon machte im mittelalterlichen Europa (15. Jh.) die sizilianische Familie Branca  von sich Reden. Branca der Ältere und sein Sohn Antonio verfügten über die Kunst, Nasendefekte mit Hautlappen aus dem Gesichtsbereich und später aus dem Oberarmbereich zu rekonstruieren. Im mittelalterlichen Deutschland (15. Jh.) war es der Wundarzt Heinrich von Pfalzpaint, der neben Hasenschartenoperationen eine der Branca`schen Technik ähnliche Methode der Nasenersatzplastik beschrieb. Im 16. Jh. war es der berühmte italienische Chirurg Gaspare Tagliacozzi, der ein Verfahren zur Nasenersatzplastik beschrieb und reichlich illustriert veröffentlichte. Insbesondere die beigefügten Abbildungen führten zur Verbreitung „seiner“ Technik und bewirkten, daß bis heute allein sein Name mit der Beschreibung der sog. „italienischen Nasenersatzplastik“ assoziiert bleibt (Abb. 3 – 6). Sachlich betrachtet, weichte sein Vorgehen jedoch nur wenig von dem des Heinrich von Pfalzpaint ab.
Im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jh. erfuhr die Plastische Gesichtschirurgie international, insbesondere aber auch in Deutschland, bedingt durch die enorrme Vielzahl zu versorgender Kriegsverletzter, eine echte Blütezeit. Viele der noch heute üblichen plastisch-chirurgischen Prinzipien und Techniken basieren auf diesen kriegschirurgischen Erkenntnissen und Erfahrungen.
Traditions- und ausbildungsbedingt wird das Spezialgebiet der Plastischen Gesichtschirurgie heute national wie auch international insbesondere durch die Fächer HNO- und MKG-Chirurgie repräsentiert. Sehr zum langjährigen Unmut vieler Vertreter der genannten Fächer, konnte sich dieses hochkomplexe, eine langjährige Facharzt- und anschließende Spezialausbildung erfordernde Gebiet in Deutschland bis heute jedoch nicht als eigenständige (Sub)Disziplin durchsetzen. Eine damit verbundene, im Sinne unserer Patienten als Qualitätssiegel wirksame Abgrenzung zur, mit Ausnahmen, nur eingeschränkt gesichtschirurgisch ausgerichteten, leider aber dennoch Omnipotenz vorgebenden allgemeinen Plastischen Chirurgie, konnte daher bislang nicht postuliert werden. Lediglich die nur wenig zielgerichtete und irreführende Zusatzbezeichnung „Plastische Operationen“, die neben der Facharztbezeichnung (nur für HNO- und MKG-Chirurgie) zu führen ist,  weist den Träger heute als qualifizierten Plastischen Gesichtschirurgen aus.
International werden die Belange der Plastischen Gesichtschirurgie wie Forschung, Aus- und Weiterbildung im Rahmen von Kongressen und Kursen, durch etablierte Organisationen wie die „European Academy of Facial Plastic Surgery“, die „American Academy of Facial Plastic and Reconstructive Surgery, Inc.“ und die „International Federation of Facial Plastic Surgery Societies“ vertreten.

Möglichkeiten der Plastischen Gesichtschirurgie

Die Plastische Gesichtschirurgie kann inhaltlich in die Teilbereiche Plastisch-Rekonstruktive und Ästhetische Gesichtschirurgie unterteilt werden.
Während das Ziel der Rekonstruktiven Chirurgie die Wiederherstellung normaler Formen und Funktionen nach Unfällen, Tumoroperationen und angeborenen Fehlbildungen ist, steht in der Ästhetischen Gesichtschirurgie nicht die Beseitigung einer Erkrankung, sondern die Verbesserung des äußeren Erscheinungsbildes im Vordergrund. Der ästhetische Aspekt findet indes bei allen plastisch-chirurgischen Operationen Berücksichtigung. Dem Teilbereich der Ästhetischen Gesichtschirurgie wird ein eigenes Kapitel zugeordnet und hier nicht näher abgehandelt.

Plastisch-Rekonstruktive Gesichtschirurgie

Sie befaßt sich mit der mit der Wiederherstellung der Körperoberfläche und der Rekonstruktion möglichst  normaler Formen und Funktionen insbesondere bei angeborenen Fehlbildungen, nach Unfällen und Tumoroperationen.
So bildet die Akutversorgung von Gesichtsweichteilverletzungen und die Therapie komlexer, teilweise begleitender Gesichtsschädelfrakturen (zentrale, zentrolateral, frontobasal, laterobasal) mit modernen osteosynthetischen und teilweise endoskopischen Verfahren einen wesentlichen Pfeiler in der Wiederherstellungschirurgie des Gesichtes (Abb. 7 – 13). Die chirurgische Therapie der gut- und bösartigen Tumoren der Gesichtshaut (Basaliom, Karzinom, Melanom, ect.), der Gesichtsweichteile und des Gesichtsschädels einschließlich der möglichst unscheinbaren Rekonstruktion der entstandenen Defekte stellen eine weitere Säule der Plastischen Gesichtschirurgie dar. Aufgrund der enormen Vielfältigkeit der Defektgrößen, Defektarten (Haut, Haut-Muskulatur, Haut-Muskulatur-Knochen, Haut-Knorpel, Muskulatur-Nerven-Blutgefäße, ect.) und Defektlokalisationen im Gesichts- und Halsbereich, ist eine große Methodenvielfalt notwendig. Neben lokalen Hautlappenplastiken kommen mikrochirurgische Techniken zur Verpflanzung großer durchbluteter Hautareale, teilweise auch Gewebekombinationen unter Einschluß von Haut, Muskulatur, Knorpel und Knochen zur Anwendung. Diese Techniken ermöglichen es indes auch, bösartige Tumoren so radikal als nur möglich zu entfernen und damit die Heilungschancen des Tumorleidens zu verbessern Abb. 14 – 24). Eine besondere Spezialität der Plastischen Gesichtschirurgie ist die Wiederherstellungschirurgie der angeborenen und erworbenen Gesichtsnervlähmungen. Neben teilweise seit Jahrzehnten bekannten  und m. E. effizienten Rekonstruktionsverfahren, gibt es durch die Anwendung mikrochirurgischer Techniken die Möglichkeit, gelähmte Gesichtsmuskeln funktionell zu ersetzen (Abb. 25 – 30).
Insgesamt betrachtet ist die Plastischen Gesichtschirurgie heute eines der faszinierendsten chirurgischen Disziplinen überhaupt. Sie vereint kreative und künstlerische Gestaltungspotenz mit einem Höchstmaß an chirurgischem Wissen und Können gleichermaßen.

Dr. med. Ralph Magritz
Oberarzt der Klinik
Klinischer Schwerpunkt: Plastische Gesichtschirurgie
Mitglied der European Academy of Facial Plastic Surgery (EAFPS)
Mitglied von INTERPLAST- Germany e.V. (Gemeinnütziger Verein für Plastische Chirurgie in Entwicklungsländern)