FAQ Ohrmuschel- und Mittelohraufbau - von Prof. Dr. med. Dr. med. dent Dr. h.c. Ralf Siegert

 

Allgemeine Fragen

 

1. Ab wann kann ein Ohrmuschelaufbau durchgeführt werden?
Zwei Voraussetzungen müssen für einen Ohrmuschelaufbau erfüllt sein:

  • Die Patienten müssen den Aufbau ernsthaft wünschen.Der Brustkorbumfang im unteren Rippenbereich muss mindestens 65 cm betragen.
  • Beide Voraussetzungen sind meist erst ab dem zehnten Lebensjahr erfüllt.

2. Kann eine Operation auch im Vorschulalter durchgeführt werden, um Hänseleien aus dem Weg zu gehen?
Nein, dazu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend Rippenknorpel für den Aufbau der Ohrmuschel zur Verfügung steht. Außerdem ist erfahrungsgemäß der Leidensdruck aufgrund der äußerlich sichtbaren Fehlbildung bei den Kindern in diesem Alter - trotz manch kleiner Hänselein - noch nicht so ausgeprägt. Der Leidensdruck und damit auch die Motivation zu einer Operation nimmt Typischerweise erst mit der veränderten Selbstwahrnehmung während der Pubertät zu. Sowohl aus rein organischen (Menge des Rippenknorpels) als auch psychosozialen Gründen (Motivation) wird der kombinierte Ohrmuschel- und ggf. Mittelohraufbau erst etwa ab dem 10. Lebensjahr durchgeführt. Eine relativ seltene Ausnahme sind Kinder mit beidseits verschlossenen Gehörgängen bei weitgehend normalen Ohrmuscheln. Sofern die anatomischen Voraussetzungen im Felsenbein gegeben sind, kann bei diesen Patienten die Anlage des Gehörganges und der Mittelohraufbau bereits etwa ab dem 6. Lebensjahr erfolgen.          

 

Sprechen, Hören und Hörgeräte

 

3. Wie ist die Sprachentwicklung bei den Kindern?
Kinder mit einer einseitigen Fehlbildung und einer Normalhörigkeit auf dem anderen Ohr haben eine normale Sprachentwicklung. Sie haben aber gewisse Einschränkungen beim Richtungshören sowie Hören im Störlärm. Kinder mit beidseitigen Fehlbildungen müssen frühzeitig, d.h. bereits in den ersten Lebensmonaten, mit Knochenleitungshörgeräten versorgt werden.

4. Wann werden knochenverankerte Hörgeräte implantiert?
Knochenverankerte Hörgeräte kommen zur Anwendung, wenn beidseits eine Mittelohrfehlbildung mit erheblicher Schallleitungsschwerhörigkeit vorliegt, die nicht operativ korrigiert werden kann, und der Patient mit konventionellen Knochenleitungshörgeräten, die an einem Stirnband, einem Bügel oder einem Brillengestell verankert werden, aufgrund des Tragekomforts (Andruck der Vibratoren auf die Kopfhaut) oder der Hörleistung nicht zufrieden ist. Vor Implantation der Schrauben sollte immer ein Trageversuch mit einem konventionellen Hörgerät erfolgen und ein Test mit einem Bissstab beim HNO-Arzt oder Hörgeräteakustiker durchgeführt werden.

5. Was ist bei der Implantation von Schrauben für knochenverankerte Hörgeräte zu beachten, wenn später ein Ohrmuschelaufbau geplant ist?
Die Schrauben sind so weit hinten am Kopf zu implantieren, dass die Haut in der Region der später anzulegenden Ohrmuschel einschließlich einer Umgebung von 4 – 5 cm nicht vernarbt. Deshalb müssen die Schrauben sehr weit hinten am Kopf eingebracht werden.          

 

Mittelohraufbau

 

6. Wann und wie kann man feststellen, ob sich auch das Mittelohr aufbauen lässt ?
Die Voraussetzungen für einen Mittelohraufbau werden anhand einer Computertomographie der Felsenbeine analysiert.

7. Wann sollte eine Computertomographie (CT) der Felsenbeine erfolgen?
Da sich das Mittelohr in den ersten zehn Lebensjahren noch weiterentwickelt und sich auch später noch verändern kann, führen wir diese Untersuchung erst kurz vor dem Ohrmuschelaufbau durch.

8. Ist es sinnvoll ein Magnetresonanztomogramm (MRT) des Schädels durchführen zu lassen?
Nein. In der MRT stellt sich der Knochen nicht dar. Bei der Beurteilung des Mittelohres geht es aber gerade darum, die Gehörknöchelchen und das knöcherne Felsenbein zu beurteilen.

8. Ist es sinnvoll ein Magnetresonanztomogramm (MRT) des Schädels durchführen zu lassen?
Nein. In der MRT stellt sich der Knochen nicht dar. Bei der Beurteilung des Mittelohres geht es aber gerade darum, die Gehörknöchelchen und das knöcherne Felsenbein zu beurteilen.

9. Ist es überhaupt sinnvoll, einen Gehörgang anzulegen und das Mittelohr aufzubauen?
Beim Fehlen eines Gehörganges liegt grundsätzlich auch eine Fehlbildung des Mittelohres vor. Wenn die Anatomie des Felsenbeins, in dem sich das Mittelohr befindet, sehr verändert ist, kann kein Mittelohraufbau durchgeführt werden. Sind die anatomischen Voraussetzungen jedoch günstig, kann durchaus auch ein Gehörgang angelegt und das Mittelohr mit dem Schallleitungsapparat aufgebaut werden. Um die Erfolgschancen dieses Eingriffes beurteilen zu können muss eine Computertomographie des Felsenbeines angefertigt werden.

10. Wie wird das Hörvermögen nach einer Mittelohroperation sein?
Das zu erzeilende Hörvermögen nach einer Mittelohroperation lässt sich vor der Operation nicht sicher beurteilen. Es hängt im wesentlichen von den anatomischen Voraussetzungen im Felsenbein ab, die anhand einer Computertomographie bewertet werden. Im Mittel wird eine sehr wesentliche Verbesserung des Hörvermögens erzielt.

11. Wie lange ist die Gewöhnungszeit beim „neuen Hören“ nach einer Mittelohroperation?
In der Regel berichten die Patienten, dass sie sich bereits nach wenigen Wochen an den neuen Höreindruck gewöhnt haben.          

 

Gewebe zum Ohrmuschelaufbau

 

12. Wie sind die Erfahrungen bei der Züchtung von Eigengewebe?
Die Züchtung einer ganzen Ohrmuschel ist zur zeit noch nicht möglich. Dies wird voraussichtlich auch noch Jahrzehnte dauern. Ein Mittelohr kann wegen der komplexen Anatomie ohnehin nicht gezüchtet werden.

13. Kann statt des eigenen Rippenknorpels auch Knorpel der Eltern verwendet werden?
Nein, weil dieser biologisch gesehen fremd ist und abgestoßen werden würde.

 

Nachsorge

 

14. Wie lange dauert es bis die Haut abgeheilt ist und von den Eingriffen, z. B. den Narben, nichts mehr zu  sehen ist?
Eine Wunde ist nach ein bis zwei Wochen verheilt, aber noch nicht absolut stabil. Die Ausreifung von Narben zieht sich über viele Monate bis zu etwa einem Jahr hin. Völlig unsichtbar werden Narben prinzipiell nie. Sie verheilen im Laufe des ersten Jahres in der Regel aber so, dass sie weitgehend unauffällig sind.

15. Nach welchem Zeitraum kann ich wieder ganz normal eine Brille tragen?
Eine Brille kann nach einigen Wochen wieder normal getragen werden.

16. Kann ich einige Zeit nach der ersten Operation wieder Singen, oder tun die Rippenmuskeln danach sehr weh?
Typischerweise bestehen nach der Rippenknorpelentnahme bewegungsabhängige Schmerzen für wenige Wochen. Für wenige Monate kann auch eine Empfindlichkeit bei starker körperlicher Anstrengung einschließlich sportlicher Aktivitäten vorliegen. Nach dieser Zeit bestehen in der Regel keine Einschränkungen mehr. 16. Kann ich einige Zeit nach der ersten Operation wieder Singen, oder tun die Rippenmuskeln danach sehr weh? Typischerweise bestehen nach der Rippenknorpelentnahme bewegungsabhängige Schmerzen für wenige Wochen. Für wenige Monate kann auch eine Empfindlichkeit bei starker körperlicher Anstrengung einschließlich sportlicher Aktivitäten vorliegen. Nach dieser Zeit bestehen in der Regel keine Einschränkungen mehr.

17. Kann ich ein halbes Jahr nach dem letzten Eingriff fliegen, oder tut der Druck auf dem frisch operierten Ohr weh?
Man kann etwa 2 Wochen nach der jeweiligen Operation wieder fliegen.

18. Kann man nach den Operationen wieder schwimmen und tauchen?
Etwa 4 bis 6 Wochen nach der jeweiligen Operation kann der Patient wieder schwimmen und tauchen.

19. Müssten die Ohren auch nach längerer Zeit noch vor Kälte und Hitze geschützt werden?
In der ersten Zeit nach der Operation ist ein Schutz vor extremer Kälte und Hitze erforderlich, da die Haut noch keine ausreichende eigene Wärmeregulation besitzt. Nach einigen Monaten ist der Kälte- und Hitzeschutz genauso sinnvoll und in gleichem Maße erforderlich wie bei normalen Ohren.

20. Kann man bei den rekonstruierten Ohren auch Ohrringe tragen?
Ja das ist möglich, allerdings dürfen die Löcher nicht einfach durch den Knorpel wie bei einem normalen Ohr gestochen werden, sondern es muss ein kleines Knorpelareal ausgestanzt werden. Daher sollte dieser Eingriff, der in örtlicher Betäubung erfolgen kann, in einem HNO-Operationssaal durchgeführt werden.

21. Hält der Knorpel lebenslang oder besteht die Gefahr, dass man nach einiger Zeit „nachbessern“ muss?
Es handelt sich ausschließlich um körpereigenes Gewebe. Der Knorpel in einer rekonstruierten Ohrmuschel wird genauso mit Nährstoffen versorgt wie der normale Ohr-, Nasen- oder Rippenknorpel, nämlich durch Diffusion. Er hält daher genauso lebenslang wie anderer Knorpel. Die natürlichen Altersveränderungen finden aber auch im Knorpel statt, so dass dieser seine Struktur in jeder Körperregion im Laufe des Lebens verändert. Insbesondere nimmt seine Elastizität im Laufe des Lebens etwas ab. Dies ist aber für rekonstruierte Ohrmuscheln ohne klinische Bedeutung.          

 

Mögliche Komplikationen

 

22. Sie wiesen daraufhin, dass der Knorpel in einigen wenigen Fällen nach einiger Zeit frei liegen kann.
Falls dies passieren sollte, geschieht dies meist in der Zeit nach der Operation, oder besteht diese Gefahr auch noch in den darauf folgenden Jahren? Die erwähnte seltene Komplikation von freiliegendem Knorpel tritt wenn überhaupt nur in den ersten Wochen bis maximal ersten Monaten nach der Operation auf. Später kommt es praktisch nie zu einer solchen Wund-heilungsstörung. Allerdings kann jedes Ohr, ein gesundes wie ein rekonstruiertes, im Rahmen eines Unfalls verletzt werden. Sollte dann Knorpel freiliegen, heilt dies bei rekonstruierten Ohren etwa genauso wie bei normalen Ohren.          

 

Weitere Fehlbildungen

 

23. Sind weitere Untersuchungen zum Ausschluss von Syndromen sinnvoll?
Ja, und zwar sollte bei Kindern grundsätzlich eine allgemeine kinderärztliche Untersuchung durchgeführt werden. Wenn sich dabei ein Anhalt für weitere Fehlbildungen ergibt, muss diesen im Einzelfall nachgegangen werden.