Große Vögel im Tiefflug

„Die Kaninchenpopulation am Prosper-Hospital hat in der letzten Zeit einfach überhandgenommen“, sagt Josef Kötte vom Prosper-Hospital. Er hat in den 80er Jahren das Dammwildgehege auf dem Gelände des Hauses etabliert und kümmert sich auch um die weiteren Tierbestände im Krankenhauspark. „Kaninchen können einen Großteil der Vegetation zerstören, außerdem untergraben sie zum Beispiel unseren Hubschrauberlandeplatz, so dass sich hier schon einige Steine gelockert haben.“ Eine Jagd mit Gewehren ist an so genannten befriedeten Orten wie Parkanlagen und Wohngebieten nicht gestattet. So kam es zu einem ersten Besuch von Falkner Michael Kasperski auf dem Prosper-Gelände.


Michael Kasperski ist eigentlich Privatdozent in der Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, doch nebenbei hat er sich durch einen glücklichen Zufall entschieden, Falkner zu werden: „Ich traf in der Bochumer Innenstadt einen Falkner, der mich fragte, wie zufrieden ich mit meinem Leben bin. Ich antwortete zu 95%. Er sagte, dass er mit seinen Vögeln zu 100% glücklich sei und setzte mir ein Tier auf die Hand. Da ist das Falkner-Virus sofort übergesprungen.“ Bei einem Praktikum in einer Greifvogelauffangstation trainierte der Wissenschaftler daraufhin den Umgang mit den Vögeln, lernte, wie man eine von Vertrauen geprägte Bindung zu ihnen aufbauen kann und legte schließlich vor 3 ½ Jahren seine Jäger- und Falknerprüfung ab.

Bei der Beizjagd am Prosper-Hospital setzt Michael Kasperski zunächst Frettchen ein, die in den Bau der Kaninchen eingelassen werden, um die Beutetiere aus dem Bau zu „sprengen“, das heißt scheuchend herauszujagen, woraufhin der Rotschwanzbussard Vigo in Aktion treten kann. Er hat eine Flügelspannweite von über einem Meter und ist ca. 70 km/h schnell.


„Die Kunst, mit Vögeln zu jagen, ist viele tausend Jahre alt und seit Dezember 2014 auch in Deutschland auf der UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen. Bei dieser natürlichen Jagdmethode hat ein fliehendes Kaninchen eine faire Chance, dem jagenden Greif zu entkommen. So wie in der Natur ist nicht jeder Jagdflug mit dem Beizvogel erfolgreich, so dass manches Kaninchen mit einem Schrecken davonkommt“, erklärt der Falkner. Da die Kaninchen doppelt so viel wiegen können wie der Bussard, wird die Beute vom Vogel nicht apportiert, sondern der Falkner folgt seinem Vogel. „Sind die Kaninchen nicht sofort tot, erlöse ich das Tier schnell und artgerecht.“ Vigo kennt sich mittlerweile im Prosper-Revier gut aus: „Er fühlt sich hier sehr wohl, fast schon heimisch, denn das Prosper-Gelände ist groß genug für seine Flüge und er wird nicht ständig durch einen Zaun oder ähnliches gestört“, schwärmt der Falkner.

Mit großer Leidenschaft erzählt Michael Kasperski von seinen insgesamt acht Greifvögeln und Eulen, die er gemeinsam mit Claudia Walter und anderen befreundeten Falknern betreut. Gemeinsam haben sie „Eulenbaum und Federspiel“ gegründet und engagieren sich umweltpädagogisch in Kindergärten und Schulen (weitere Informationen unter www.eulenbann-und-federspiel.de). Bei der Arbeit mit den Vögeln ist Michael Kasperski aufgefallen, dass man über sie einen ganz besonderen Zugang zu Menschen eröffnen kann. „Dies kann man im Rahmen tiergestützter Aktivitäten sowie tiergestützter Therapien z.B. mit austistischen Kindern oder Demenzkranken nutzen. Entsprechend werden unsere Vögel trainiert, Menschen gegenüber sehr aufgeschlossen und tolerant zu sein, ohne dabei ihr eigentliches Wesen aufgeben zu müssen.“ Gerade zu Beginn des Trainings kommen die Vögel zum Beispiel mit ins Wohnzimmer, erklärt der Falkner. Wenn der Vogel dann auf der Faust den Kopf unter die Flügel steckt und schläft, ist das der größte Vertrauensbeweis des Vogels. Und Vertrauen ist schließlich die Grundlage der Falknerei.

Am Prosper-Hospital konnten die Kaninchenbestände mit der Falknerei bereits reduziert werden: „Deswegen wollen wir weiterhin auf diese Methode zurückgreifen“, erklärt Josef Kötte. Für Michael Kasperski bedeutet dieser Auftrag keinen Stress, sondern Entspannung pur: „Bevor ich zur Falknerei gekommen bin, konnte man mich schon fast als Workaholic bezeichnen. Mit den Vögeln bin ich innerhalb von Minuten ein anderer Mensch und vergesse den Alltagsstress. Denn um mit den Greifen und Eulen arbeiten zu können, muss ich mich zu 100% auf sie einlassen – erst dann sind wir ein gutes Team.“