Handwerk auf hohem Niveau

Täglich mehrere Operationen, eine hohe körperliche und psychische Belastung und nebenher noch Verwaltungs- und Dokumentationstätigkeiten – Chirurgen haben tagtäglich eine große Verantwortung zu tragen. Wir haben mit Priv.-Doz. Dr. Jens Jakschik (Chefarzt der Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie im Prosper-Hospital) über seine Berufswahl, die Liebe zu seiner Aufgabe und auch traurige Momente gesprochen.

 

Redaktion: Herr Dr. Jakschik, Sie sind jetzt bereits seit fast 35 Jahren Chirurg – wieso haben Sie sich für diesen Fachbereich entschieden?

Jakschik: Ehrlich gesagt wusste ich ganz lange nicht, in welchen Bereich ich gehen soll. Ich hatte zum Beispiel auch großes Interesse an der Orthopädie, aber durch das Team und meinen ersten Chef im PJ (Anm. d. Red.: Praktisches Jahr: Der letzte Abschnitt des Medizinstudiums) am Klinikum Steglitz in Berlin bin ich bei der Chirurgie hängen geblieben. Ich hatte einfach tolle Kollegen, die mir die Faszination für meinen Beruf näher gebracht haben. Da habe ich dann das Angebot des Mannschaftsarztes von Hertha BSC bei ihm im Urbankrankenhaus Orthopäde zu werden, ausgeschlagen.

 

Redaktion: Für jemanden, der kein Arzt ist, ist es immer schwer vorstellbar, wie ein Chirurg seine praktischen Erfahrungen sammeln kann…

Jakschik: Er muss ganz viel zuschauen, sich Handgriffe abschauen und kopieren und dann natürlich auch immer wieder und sehr viel selbst operieren. Jeder Mensch ist zwar verschieden, aber seine Anatomie ist zum Glück immer gleich – und die können wir lernen. Die Operation an sich ist außerdem ein standardisiertes Verfahren mit immer gleichen Abläufen. Auch diese Abläufe müssen natürlich sitzen. Bis heute schaue ich mir vor großen Operationen diese Abläufe in den Lehrbüchern an. So habe ich und so lernen auch die jungen Kollegen heute Schritt für Schritt dieses spannende Handwerk. Natürlich darf man dabei den Patienten als Individuum mit seiner persönlichen Krankheitsgeschichte nicht aus den Augen verlieren.

 

Redaktion: Die Patienten stecken viel Hoffnung in Ihr Können und in kaum einer anderen Situation des Lebens liefert man sich seinem Gegenüber so aus wie bei einer OP. Wie gehen Sie mit der großen Verantwortung um, die Sie bei jedem Eingriff tragen?

Jakschik: Vor und während des Eingriffes denke ich nicht daran, was alles schiefgehen kann. Das würde unnötig hemmen. Natürlich bin ich überzeugt davon, dass es richtig ist, was ich dort tue und habe dabei auch Vertrauen in mein Können. Trotzdem gibt es natürlich immer wieder Momente, an denen ich und mein Team an unsere Grenzen stoßen. Zum Beispiel kommt es vor, dass wir Patienten operieren wollen, dann aber während des Eingriffs feststellen müssen, dass der Tumor nicht mehr zu operieren ist. Denn die Ergebnisse der Voruntersuchungen können wir auch nur wie ein Mosaik zusammenlegen – wir können deswegen nicht immer mit absoluter Sicherheit sagen, welche Organe zum Beispiel schon befallen sind. Eine solche Situation ist für mich bis heute sehr belastend und ich nehme sie auch durchaus mit nach Hause.

 

Redaktion: Was hilft Ihnen dann zum Ausgleich?

Jakschik: Meine Frau ist auch Medizinerin. Mit ihr kann ich mich dann auch auf der medizinischen Ebene austauschen – das hilft mir sehr, so dass ich auch außerhalb des Prosper-Hospitals meine Arbeit reflektieren kann. Natürlich spielen auch meine Kinder, die Musik und mein Sport, das Rudern,  eine große Rolle, um auf andere Gedanken zu kommen.

 

Redaktion: Eine gute Regeneration ist in Ihrem Beruf sicher wichtig. Teilweise stehen Sie stundenlang am Tisch. Wie können Sie da die Konzentration aufrecht halten?

Jakschik: Als ich noch ein junger Assistenzarzt war und zum ersten Mal im OP-Team bei einer Lebertransplantation dabei war, ging es morgens um 8:00 Uhr mit dem Flug nach Holland los, die Leber wurde explantiert, der Flug zurück und dann folgte die Implantation. Am nächsten Tag um 15:00 Uhr war es geschafft. Trotzdem hatte ich im Operationssaal noch nie mit Müdigkeit zu kämpfen. Man steht eben unter Strom und arbeitet die Dinge Schritt für Schritt ab. Erst danach fällt die Anspannung ab und der Körper verlangt nach einer Pause.

 

Redaktion: Gibt es eine Operation bzw. eine Krankheitsgeschichte, die besonders schwierig war und die Ihnen trotzdem in guter Erinnerung geblieben ist?

 Jakschik: Da gibt’s eigentlich ganz viele Geschichten. Ich habe allerdings einige Jahre in der Kinderchirurgie in Bonn gearbeitet. Es waren neugeborene Vierlinge, von denen eins an einer nekrotisierenden Enterokolitis litt. Bei der Erkrankung sterben immer wieder Teile des Darms ab – eine lebensbedrohliche Situation die frühgeborenen Kinder. Nach zig Operationen, nach denen ich den Eltern immer wieder sagen musste, dass es nicht gut für ihr Kind aussieht, hat es das Kind doch geschafft. Zehn Jahre lang haben mir die Eltern jedes Jahr ein Foto ihres Kindes zugeschickt. Das war schon ein schönes Gefühl.

 

Redaktion: An der Geschichte merkt man, dass  Ihnen der Kontakt zu den Patienten vor und nach der Operation am Herzen liegt.

Jakschik: Ganz klar – ich würde sogar behaupten, dass ich ohne diesen Kontakt und eine genaue Kenntnis der Krankengeschichte meine Arbeit nicht so gut machen könnte. Wir Chirurgen sind ja keine Auftragshandwerker, die nur für Ihren Teil an den Tisch kommen und den Rest ausblenden. Chirurgie ist ja viel mehr und viel komplexer.

 

Redaktion: Können Sie sagen, was das Schönste an Ihrem Beruf ist?

Jakschik: Die meisten Operationen verlaufen positiv. Das ist schon mal sehr schön. Unsere Prognosen haben nämlich hohe Trefferquoten – höhere als in der Meteorologie (er lacht). Außerdem fasziniert mich immer wieder die Unmittelbarkeit der Chirurgie.

 

Redaktion: Trotzdem verlaufen nicht alle Operationen so, wie man es sich vorher vorstellt.

Jakschik: Nein, leider gibt es auch Fälle, in denen wir einfach nichts mehr tun können und in denen wir dann den Angehörigen und Familien diese Nachricht überbringen müssen. Das ist nicht leicht, aber meine Erfahrungen haben gezeigt, dass ein offenes und ehrliches Gespräch hier am meisten hilft. Das Vertrauensverhältnis, was die Angehörigen und auch die Patienten in der OP-Vorbereitung aufbauen ist enorm wichtig, um auch solche Situationen managen zu können.

 

Redaktion: Gibt es etwas, was Ihnen für die Zukunft für den Beruf des Chirurgen wichtig ist?

Jakschik: Medizin ist und bleibt eine Arbeit an Individuen. Die Behandlung kann deswegen nicht einfach durchgetaktet werden, denn jeder ist eben anders und braucht mehr oder weniger Zuwendung. Deswegen müssen wir in der Medizin vor allem flexibel sein und können nicht alles nur unter ökonomischen Gesichtspunkten sehen. Außerdem liegt mir die Ausbildung von jungen Ärzten sehr am Herzen. Diese braucht genügend Zeit und hierauf sollten wir auch in Zukunft Wert legen.