So komplex wie das Leben

Der Entlassungs- und Sozialdienst im Prosper-Hospital

 

Wegen einer schweren Lungenentzündung kommt die Mutter von Ulrike F. ins Krankenhaus. Schon seit zwei Jahren pflegt die Tochter ihre Mutter, denn sie ist an Demenz erkrankt. Im Krankenhaus wird deutlich, dass Ulrike F. neben ihrem Beruf und der eigenen Familie an ihre Belastungsgrenze kommt. Was sie nicht weiß, viele Hilfsangebote, die ihren Alltag entlasten könnten, nimmt sie nicht in Anspruch.

„Genau das ist ein Fall für uns“, sagt Kristine Milbradt, die bereits seit 15 Jahren als Dipl. Sozialarbeiterin/-pädagogin im Entlassungs- und Sozialdienst des Prosper-Hospitals arbeitet. „Wir begleiten unsere Patienten und ihre Angehörigen auf dem Weg nach Hause und unterstützen sie in allen sozialen Fragen.“ Dabei wird nicht nur die gesundheitliche Situation des Patienten, sondern auch seine berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation berücksichtigt. Aufmerksam werden die Mitarbeiter des Entlassungs- und Sozialdienstes auf unterschiedliche Weise auf ihre Patienten: entweder meldet sich die Station wie zum Beispiel der zuständige Arzt oder die zuständige Pflegekraft, die Angehörigen, externe Institutionen wie der ambulante Pflegedienst oder der niedergelassene Arzt oder natürlich der Patient selbst.

Sobald die Anfrage an den Sozialdienst rausgegangen ist, vereinbaren die Mitarbeiter Termine, lernen Patienten und zum Teil auch Angehörige kennen und ermitteln auf diese Art und Weise den Bedarf jedes Einzelnen.

Im Fall von Ulrike F.`s Mutter wird schnell klar, dass hier an vielen Stellen Hilfe nötig wird. „Wir haben ganz klar zwischen den Bedarfen der Mutter und der Tochter getrennt. Auf der einen Seite haben wir erst einmal einen Pflegegrad für die Mutter beantragt und geschaut, welche Hilfsmittel für die Pflege zu Hause nötig sind“, erklärt Kristine Milbradt. Das können Dinge wie Rollatoren, Badewannenlifter oder Toilettenhilfen sein. „Auf der anderen Seite ist in diesem Fall aber auch die Entlastung der berufstätigen Tochter sehr wichtig. Mit der Einschaltung eines Pflegedienstes  und einer Vermittlung in eine Tagespflegeeinrichtung konnten wir hier schon deutlich Abhilfe schaffen.“

In anderen Fällen koordiniert der Entlassungs- und Sozialdienst den Übergang von der stationären in die ambulante Betreuung, in Rehabilitationseinrichtungen, Hospize, Wohngruppen oder auch Obdachlosenhäuser. „Vor allem die Überleitung in Hospize stellt uns immer wieder vor Probleme, da es hier im Kreis Recklinghausen einfach nur sehr begrenzte Plätze gibt. Aber wir finden dann auch immer eine Übergangslösung“, erklärt Roswitha Hüser. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet seit mehr als drei Jahren im Entlassungs- und Sozialdienst des Prosper-Hospitals. „Wir beraten und informieren die Patienten und fungieren auch als Schnittstelle zwischen den Patienten und zum Beispiel den Kostenträgern oder anderen Einrichtungen. Dabei ist es uns wichtig, dass die Patienten möglichst selbstständig bleiben.“

Der Fall von Ulrike F. und ihrer Mutter ist nur ein Beispiel für den Einsatz des Sozialdienstes. Neben weiteren geriatrischen Fällen werden die Kollegen vor allem auch in der Onkologie, Unfallchirurgie und Geburtshilfe gebraucht. „Menschen, die zum Beispiel an Krebs erkranken haben Anspruch auf eine sozialrechtliche Beratung“, erklärt Roswitha Hüser. Sie hat eine Palliative Care Ausbildung gemacht, bevor sie ihre Arbeit im onkologischen Bereich begonnen hat. Palliative Care ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind. „Vor allem in unserem Brustzentrum sind häufig Frauen betroffen, die noch mitten im Berufsleben stehen. Bei ihnen ist es wichtig, dass sie wissen, dass sie einen Schwerbeschädigtenausweis beantragen  können. Das ist natürlich kein einfacher Schritt, aber die Patientinnen haben so bei ihrem Arbeitgeber einen verbesserten Kündigungsschutz. Eine ebenso wichtige Information ist, dass sie Anspruch auf eine Anschlussheilbehandlung haben.“

Auch im Bereich der Geburtshilfe wird der Einsatz des Entlassungs- und Sozialdienstes immer wieder nötig. „Zum Beispiel bei vertraulichen Geburten, wo wir uns dann um die weitere Unterbringung der Kinder kümmern. Oder bei Flüchtlingsfamilien, denen die Basis-Grundausstattung wie Kinderwagen und Babybekleidung einfach fehlen.“

Der Bereich des Entlassungs- und Sozialdienstes ist breit gefächert. Regelmäßige Fort- und Weiterbildungen sind nötig, um den ständigen gesetzlichen Änderungen gerecht werden zu können. „Ein aktuelles Beispiel ist das Pflegestärkungsgesetz II“, sagt Kristine Milbradt, „hier gibt es einige Änderungen die auch unsere Arbeit betreffen.“ Statt in drei Pflegestufen werden die Patienten nun in fünf Pflegegrade eingeteilt. Hierbei finden nicht nur körperliche, sondern auch psychische und geistige Einschränkungen Berücksichtigung.

Doch die beiden Kolleginnen in ihrem insgesamt fünfköpfigen Team wirken nicht so, als könne sie so eine Umstellung verunsichern. In ihrem Job sind Durchhaltevermögen, Flexibilität und Menschenkenntnis nötig – und damit sind sie ohne Zweifel ausgestattet. Kristine Milbradt und Roswitha Hüser verfolgen dabei ein Ziel: „Wir betrachten jeden einzelnen Patienten mit seinen Bedürfnissen. Den einen Fahrplan gibt es bei unserer Arbeit nicht, sondern es wird immer ein individueller Hilfeplan erstellt. Da kann es auch sein, dass wir in Obdachlosenheime vermitteln, mit dem Jobcenter in Kontakt treten oder auch an Servicestellen zur Wohnungssuche vermitteln. Hauptsache ist, dass für den Patienten am Ende die individuell beste Lösung gefunden wird.“

 

 

Infobox: Aufgaben des Entlassungs- und Sozialdienstes:

·         Hilfsmittelversorgung

·         Vermittlung von Pflegediensten und komplementären Diensten

·         Einschalten von Homecare-Unternehmen (Beschaffung von Material für die Versorgung zu Hause z.B. Trachealkanülen oder Lagerungshilfen )

·        Vermittlung in Heime/Hospize/Wohngruppen/Obdachlosenhäuser/Reha-Kliniken à hier müssen häufig auch Wartezeiten mit Alternativen überbrückt werden

·         Gesetzliche Betreuung

·         Hilfe bei der Erstellung von Vorsorgevollmachten

·         Suchtberatung

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